Reise zum Mittelpunkt der Erde

Das Atomkraftwerk Olkiluoto steht auf der gleichnamigen Insel auf Finnlands Westküste. Das Atommüllendlager Onkalo unweit davon auf derselben Insel. Die Straße dorthin schlängelt sich durch den Wald. Hochspannungsleitungen durchkreuzen den regnerischen Himmel. Es wird schnell klar, dass das hier nicht nur eine x-beliebige Küstenlandschaft ist.

Treffpunkt für den International Press Day ist das Besucherzentrum des Endlagers. Als Begrüßung gibt es Kaffee für alle. Neben dem Reisswolf hat sich die journalistische Prominenz eingefunden, so etwa haben Die Zeit und der ORF Reporter entsendet. Auch aus den Niederlanden, Norwegen, Schweden und Japan sind Journalisten gekommen, dazu noch der Youtuber Tom Scott.

Das Kernkraftwerk Olkiluoto, von links nach rechts die Reaktoren OL3, OL1 und OL2

Im Auditorium freut sich Pasi Tuohima, Communications Manager von Teollisuuden Voima Oyj (TVO), dem Betreiber des Kern-kraftwerks Olkiluoto, dass heute 14 Journalisten anwesend sind, die größte Gruppe bisher und ein starkes Kennzeichen von wachsendem Interesse an Kernkraft. Die Folien zu seinem Vortrag werden natürlich danach hochgeladen.

Neben der Endlagerstätte wird hier seit mehreren Jahren ein dritter Reaktor für das Kernkraftwerk Olkiluoto gebaut. Dieser heißt Olkiluoto 3, kurz OL3, und ist ein Druckwasserreaktor. Im März 2019 bekam OL3 die Betriebslizenz und wartete seitdem auf seinen Energielieferanten. Derzeit laufen die Vorbereitungen, damit im Jänner 2020 die Brennstäbe in den Reaktor geladen werden können. Über 90% der Systemtests wurden dafür schon absolviert; die Strom-produktion soll im April 2020 starten. In OL3 wurde 5-mal so viel Stahl wie im Eiffelturm verbaut. Auch die Siedewasserreaktoren OL1 und OL2, deren Turbinen jeweils 880MW und 890MW Leistung haben, den nicht vernachlässigt, sie bekamen letztes Jahr die Erlaubnis bis 2038 am Netz zu bleiben. Bis auf den Druckbehälter wurden sie von Grund auf erneuert, jährlich werden 50 Millionen Euro investiert.

In Finnland werden 23% des Stromverbrauchs importiert, 47% der selbst produzierten Energie ist erneuerbar. Ein Viertel des Stroms kommt aus Kernkraft, das Kern-kraftwerk Olkiluoto ist für 21% der gesamten finnischen Stromproduktion verantwortlich. Wenn OL3 mit einer Leistung von 1600MW ans Netz geht, wird das AKW sogar für 30% des Stromverbrauchs des gesamten Landes auf kommen. Das entspricht einer Leistung, die einer sehr langen Reihe von Windrädern entlang der gesamten finnischen Küste von Schweden bis Russland erzeugen würde, wenn alle 500m ein Windrad in die Landschaft gepflanzt wird. Bis 2035 will Finnland CO2-neutral werden, ein anspruchsvolles Ziel im sonnenarmen Land. Die Lösung: Kernkraft.

Die Turbinenhalle © Teollisuuden Voima Oyj

Pasi ist natürlich überzeugt von Kernenergie und versteckt seinen Enthusiasmus nicht: „you might laugh if you come from Austria or Germany, but nuclear power re-ally is considered green energy in Finland“. Auch der ewige Rivale Schweden bekommt in Pasis Vortrag eine ausgewischt, denn das Land kommt mit dem Bau des eigenen Atommüllendlagers nicht weiter und ist in Rechtsstreitigkeiten verwickelt.

Bauherr von OL3 ist Framatome (früher Areva NP genannt) aus Frankreich. Siemens baut die Turbinen, die zur Stromproduktion nötig sind. Der 526 Tonnen schwere Reaktordruckbehälter wurde von Japan Steel Works und Mitsubishi Heavy Industries gebaut.

Doch wohin mit den hochradioaktiven Abfällen? Die bleiben hier auf der Olkiluoto-Insel und dies spart sämtliche Transportkosten. Gut! Nur so einfach ist das nicht.

Onkalo, so heißt das Endlager für radioaktive Abfälle, ist weltweit das erste Endlager überhaupt für hochradioaktive Abfälle. Auf der Insel gibt es schon ein Endlager für radioaktive Betriebsabfälle, die sind aber nur schwach bis mittelstark strahlend. Das Novum hier ist, dass auch für die Brennstäbe ein Endlager errichtet wird. Seit 2004 werden Tunnel tief in das finnische Grundgestein gesprengt, damit ab Mitte der 2020er Jahre für immer und ewig die Brennstäbe der finnischen Kernkraftwerke versiegelt werden. Per Gesetz darf in Onkalo nur radioaktiver Abfall der finnischen Kernkraftwerke entsorgt werden (neben Olkiluoto gibt es noch das AKW Loviisa nahe Helsinki) entsorgt werden. Pasi geht jedoch davon aus, dass andere Länder in der Zukunft bestimmt Handel mit radioaktiven Abfällen betreiben werden.

Wenn Onkalo betriebsbereit ist, wird die gesamte Anlage rund zwei Milliarden Euro gekostet haben; bis jetzt wurde schon die Hälfte davon ausgegeben. Finanziert wird das auch zum Teil aus den Stromkosten in Finnland,

Die ausgebrannten Uranpellets werden in einer Matrix aus Gusseisen gelagert, die wiederum von langen Kupferkanistern mit einem Durchmesser von 1,05m und einer Wandstärke von 5cm ummantelt sind. Kupfer ist besonders korrosionsbeständig. Die Länge ist variabel, da die verschiedenen Atomkraft-werke mit verschiedenen Brennstäben betrieben werden. In den Tunneln werden die-se Kanister dann in den Boden eingelassen und von Bentonit eingeschlossen. Der Tunnel selbst wird mit Lehmblöcken und Bentonitpellets gestopft. Aber es ist auch möglich, die Kupferkanister wieder aus den Tunneln zu entnehmen. Dies könnte passieren, wenn beispielsweise eine neue Verwendung für die Brennstäbe gefunden wird. Das finnische Grundgestein, in welches das Endlager gesprengt wurde, ist zwei Milliarden Jahre alt und besonders stabil.

Der Kupferkanister und die Gusseisenmatrix, in die die Uranpellets kommen

Nachdem Pasis Präsi zu Ende ist besuchen wir zuerst die Baustelle des OL3-Re-aktors. Auf dem Weg dorthin fahren wir an den Notfallstromgasturbinen vorbei, die ein-springen, sollte die Kühlung versagen. Da die Gasturbinen sechs Minuten brauchen, bis sie unter Volllast laufen, gibt es zusätzlich noch Dieselgeneratoren, um diese Zeit zu überbrücken.

Olkiluoto 3

Einen imposanten Kühlturm, der in die Luft ragt, sucht man vergeblich, denn hier übernimmt das Meerwasser diese Funktion. Dafür sind die Reaktor- und Turbinenhallen beeindruckend, die in schicker, backsteinroter Optik auf sich aufmerksam machen. Es wirkt tatsächlich sehr ästhetisch.

Bevor wir in das Reaktorgebäude dürfen, bekommen wir eine Schutzausrüstung mit weißem Kittel, Helm, Brille und Überschuhen. Uns begrüßt zudem ein Schild, das stolz auf 85 Tage ohne Unfall hinweist. Aus Sicherheitsgründen darf ich mein Handy nicht mitnehmen. Jetzt steh ich blöd da, denn es fungiert auch als meine Kamera. Die anderen Reporter haben Glück, deren TV-Kameras sind nicht verboten, im Rahmen des Pressetages sind Filmaufnahmen äußerst erwünscht. Nur Handys dürfen nicht rein.

Nach einer weiteren Sicherheitskontrolle sind wir endlich drinnen. Dicke Rohre hängen an den Wänden, um uns herum herrscht reger Betrieb, der Bau geht während unserer Besichtigung natürlich weiter. Ab Anfang 2020 werden die Brennstäbe in den Reaktor geladen, dann werden die Sicherheitsvorkehrungen um einiges verschärft werden, und auch als Journalist wird man nur noch schwer hier reinkommen. Mit einem Lift fahren wir hoch zur Reaktorhalle. Die Stockwerke sind übrigens nicht mit Nummern versehen, sondern mit einer Höhenangabe in Meter. Wir fahren bis Stockwerk 19,5. Leider ist der Zugang zur Halle selbst blockiert: es wird gearbeitet und Bauarbeiten haben gegenüber uns Touristen Vorrang. Im Vorraum stehend können wir immerhin durch eine große, kreisrunde Luke einen Blick in die Halle werfen. In der Reaktorhalle stehen überall Gerüste, weit oben an der Decke ist ein gelb-oranger Brückenkran. Hinter einer Wand warten 120 Tonnen Uran schon auf ihren Einsatz. Durch die Luke, die von den Bauarbeitern blockiert wird, werden dann später die Brennstäbe in die Reaktorhalle gebracht.

Die Reaktorhülle selbst ist riesig. Die genaue Dicke ist geheim, ich schätze es sind drei Meter. Eigentlich sind es sogar zwei Wände aus Stahlbeton, und dazwischen ist ein Spalt. Von außen hält sie einen Flugzeugeinschlag aus, von innen hält sie problemlos einem Druck von sechs Bar stand.

Mich hätte auch die Turbinenhalle sehr interessiert, denn die Turbinen sind schon alle fertig. Aber Siemens gibt dafür keine Erlaubnis. Juha Poikola, Communications Manager von TVO, versichert uns, dass sie wie normale Turbinen aussehen, nur halt sehr groß.

Damit ist hier das Ende des ersten Teils der Führung erreicht. Wir fahren wieder ins Erdgeschoss, geben Sicherheitsausrüstung ab und steigen in den Minibus. Es geht nach Onkalo, dem Atommüllendlager.

Onkalo

Dort bekommen wir schon wieder Schutz-ausrüstung: Gummistiefeln, Helm, Brille und Gehörschutz kannten wir schon. Doch hier bekommen wir zusätzlich ein Atemgerät, das uns im Notfall für 15 bis 20 Minuten Luft verschaffen soll, um es zurück nach oben oder zumindest zur nächsten Rettungsnische zu schaffen.

Der 5,5-Kilometer lange, befahrbare Zugangstunnel ist 5,3 Meter breit und 6,3 Meter hoch. Er führt 455 Meter schraubenförmig unter die Erde und wurde ins Gestein gesprengt. Damit wurde 2004 begonnen, beendet wurden diese Arbeiten 10 Jahre später. Gesprengt wird einmal täglich, zum Schichtende. Denn die Tunnel müssen dafür komplett geräumt werden. Mit jeder Sprengung kommt man 3,5m voran. Näher an der Oberfläche waren es 6m pro Tag. Doch je tiefer man ist, desto vorsichtiger muss gearbeitet werden. Zusätzlich zum Tunnel führen zwei Schächte senkrecht nach unten, der eine für Belüftung und der andere für Menschen und Material. Mit dem Auto fahren wir nach unten, die Geschwindigkeit ist auf 20km/h begrenzt. Besonders breit ist der Tunnel nicht, würde uns ein Fahrzeug entgegenkommen, müssten wir an die Wand ranfahren. Alle fünfzig Meter teilen uns Schilder mit, wie weit wir schon gefahren sind. An den Tunnelmauern hängen mehrere Kabel und Rohre, an der Decke die Beleuchtung. Alle paar hundert Meter gibt es Verzweigungen, die meisten aber nur ein paar Me-ter lang, dort stehen Maschinen oder andere Ausrüstung. Erst in einer Tiefe von 400 bis 450m werden sich die Entsorgungstunnel ausbreiten. Schön parallel soll es etwa 200 davon geben, mit einer Gesamtlänge von 60 bis 70km. Bis zu 6500 Tonnen Uran sollen hier Platz finden, das sind 3250 Kanister. Geplant ist, dass 2120 das Lager voll ist und geschlossen wird.

Nach 4,4 km Fahrt in das Innere der Erde steigen wir aus. So tief unten sind die Wände nicht mehr aus rohem Stein, sondern aus Spritzbeton, damit der Tunnel dem hohen Umgebungsdruck standhält.

Als Sicherheitsmaßnahme parken die Autos mit der Motorhaube nach oben, in Fluchtrichtung, gerichtet, damit man im Notfall nicht erst noch umdrehen muss. Das System kenne ich aus den chilenischen Anden, nur dass damals die Luft um einiges dünner war (Reisswolf 03/19 S. 16).

Die Lüftung dröhnt, während wir ein paar Meter zu Fuß zum fertigen Demotunnel gehen, der als Testeinrichtung dient. So sind zum Beispiel alle 10m runde Deckel in den Boden eingelassen, hier werden die Kanister versenkt. Doch hinter einer Betonwand wurden schon die ersten echten Kanister deponiert. Natürlich sind sie sich dort nicht selbst überlassen, sie werden mit vielen Sensoren überwacht. Nach einem Jahr wird ausgewertet, ob die Ergebnisse mit den erwarteten Werten übereinstimmen.

Wir fahren noch tiefer. Exakt 440 Meter unter der Erde öffnet sich der Tunnel wie eine Kathedrale. Hier kommen später die Kanister direkt von der Oberfläche durch einen senkrechten Schacht an und werden dann mit einem Lada Lader in ihren Tunnel geliefert. Bis zu 30 Kanister können hier gleichzeitig zwischengelagert werden, dabei liegt das Augenmerk auf Zwischenlager, denn dieser Raum ist nur ein Umschlagplatz für den hochradioaktiven Müll und wird zurzeit auch noch „zweckentfremdet“ verwendet: Vor ein paar Monaten gab in dieser Höhle eine Opernsängerin ein Konzert.

In einem Nebentunnel leuchtet mir neongrünes Wasser aus zwei Becken entgegen. Ist das radioaktiv? Dem Klischee zumindest würde es entsprechen. Es ist aber Nutzwasser, das für die Kühlung der Bohrmaschinen verwendet wird. Es wurde absichtlich gefärbt, um es vom eindringenden Wasser unterscheiden zu können. Denn pro Minute dringen 30L Wasser in die gesamten Tunnelanlage ein. Im Verhältnis zur Größe der Anlage besteht aber kein Grund zur Sorge, denn im Bereich der Kanister reduziert sich die Menge auf nur 250ml pro Minute. Das entspricht einer Tasse Kaffee, den man in Finnland besonders gerne zu jeder Tageszeit trinkt.

Sechs Jahre verbringen die Brennstäbe in einem Kraftwerk. Über mehrere 100.000 Jahre werden sie dann im Lager weiterstrahlen. Angenehm kurz im Vergleich dauert unsere etwa halbstündige Fahrt nach oben. Während wir unten waren, hat sich der Himmel gelichtet, hell scheint uns die Sonne ins Gesicht als wir wieder an die Oberfläche kommen.

Aus 06/2019 von Marcus Dürr

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