Der Reisswolf ist am Zug

Andere gehen auf die IAA Nutzfahrzeuge, viel spannender war Mitte September die weltgrößte Fachmesse für Bahn- und Verkehrstechnik, die InnoTrans

Ganz im Sinne der Ausstellung fahr ich auf der neuen Bahnstrecke München-Berlin flieg ich mit dem Flugzeug in die Hauptstadt. Für die Abschnitt von Tegel zur Messe nehme gibt es ein Messeshuttle, das erstmal im Stau stecken bleibt, was angesichts des Themas der Messe doch ironisch ist. Als akkreditierter Journalist darf ich die Eröffnungszeremonie besuchen. Thema der Messe ist „The Future of Mobility“. Auf der Bühne sind zwei große Bildschirme montiert, es rieseln 1er und 0er herunter – Symbol der Digitalisierung. Nach einer dynamischen Ballett-Einlage, dessen „Drive wir mitnehmen“ sollen, eröffnet Christian Göcke, CEO der Messe Berlin, mit einer erfreulich kurzen Rede die Messe offiziell. Anlässlich des Europäischen Jahrs der Multimodalität ist die EU-Kommissarin für Verkehr Violeta Bulc gekommen. Nach ihr spricht Andreas Scheuer, Bundesverkehrsminister. Er freut sich, dass es mal nicht um Dieselautos geht. Wieso er dann noch über Klimaziele redet, ist mir nicht ganz klar. Irgendwann halte ich seine Beschwerden über seinen ach so schweren Job aber nicht mehr aus. Ich bin hier um Züge zu sehen, nicht um Reden zu hören.

Neue U-Bahn Glasgow

Mein erster Messestand ist Knorr-Bremse und spezifisch deren Sandungssysteme. Natürlich wird Sand beim Bremsen verwendet, doch neu ist für mich, dass dieser auch öfters als Traktionshilfe eingesetzt wird. Ein Beispiel dafür ist die Pöstlingbergbahn in Linz an der Donau. Sie ist die steilste Adhäsionsbahn der Welt, und sie fährt auch mit einem Sandungssystem von Knorr. Unweit davon der Stand von Dürr Technik GmbH. Der Name kommt mir bekannt vor*. Das Unternehmen vertreibt Öl-lose Kompressoren. Mehr Öl gibt es anscheinend bei Oleo, die Dämpfersysteme bauen. Diese sollen Schlimmes verhindern, sollte es mal bei einer Verkuppelung nicht so sanft zugegangen sein. Passend dazu gibt es auch Prellböcke im Angebot. Ich hätte nie gedacht, dass man sich länger als fünf Minuten über das Thema unterhalten kann, die Firmenvertreter übererzeugen mich vom Gegenteil. Was mich eigentlich gar nicht mehr überrascht, sind Drohnen. Ja, sogar auf einer Zugmesse gibt es sie, und zwar bei Wabtec. Doch ich habe es davor schon angesprochen, Züge hab ich noch immer noch nicht gesehen, nur Einzelteile. Also raus in die strahlende Sonne!

Stoßdämpfer von Oleo

Erstes Highlight ist die von der CRRC gebauten Rangierlok, die es vor ein paar Monaten in die Nachrichten geschafft hat, da sie die erste chinesische Lokomotive ist, die nach Deutschland verkauft wurde. Ne Spaß, sie schaut aus wie jede andere Rangierlok. Besonders schön sind die neuen orange-weißen Züge der Glasgow Subway. Stadler’s Entwicklung ist sehr eng geschnitten, damit sie durch die engen Tunnel der schottischen Stadt passt. Noch hat sie einen Führerstand an einem Ende, doch eigentlich ist sie für einen vollautomatisierten Betrieb gerüstet. Deshalb ist die besagte Fahrerkabine auch ausbaubar. Am anderen Ende wird gezeigt, wie ein ausklappbarer Miniführerstand unter den Fahrgastplätzen verschwindet. Dieser wird nach der Vollautomatisierung jedoch nur bei Rangierfahrten oder im Notfall benutzt. Interessant ist auch Fahrwerk. Die Glasgow Subway fährt mit einer Spurweite von 1.220mm. Damit sie aber auf den Normalspur-Gleisen (1.435mm) der Messe Berlin herumgeschoben werden kann, wurde sie auf einen Adapter gehoben.

Vorrichtung, damit die U-Bahn Glasgow auf den Normalspur-Gleisen fahren kann

Unweit davon steht ein weiteres Exponat von Stadler, die Eurodual-Güterlokomotive, in der Hävelländischen Eisenbahn (hvle)-Lackierung. Das „Dual“ im Namen weist auf die zwei Einsatzmöglichkeiten: Dank Elektro- und Dieselantrieb kann die Lok sowohl auf elektrifizierten als auf nicht-elektrifizierten Strecken fahren, und das bis zu 120km/h schnell. Preis? So so um die vier bis fünf Millionen Euro. Da die hvle Erstkunde der Eurodual-Lokomotive ist, wird auch eine Ansprache gehalten.

Neue Eurodual-Güterlokomotive von Stadler

Billiger zu haben ist der Siemens Smartron, auch weil er quasi online bestellt werden kann. Das „quasi“ ist übrigens das ausgesprochene Ziel von Siemens. Deshalb ist die Lok, die auf dem Siemens Vectron basiert, auch nur in einer einzigen Variante verfügbar, ohne kostspieligen Extras, damit alles so einfach wie möglich ist. Der Smartron ist nur für Deutschland konzipiert, da reicht ein einziger Stromabnehmer auf dem Dach, die Geschwindigkeit ist auf 140 km/h beschränkt. Auch kurze Lieferzeiten will Siemens anbieten, nicht länger als eine Neuwagenanschaffung soll das dauern. Leider fehlen mir dann doch die letzten paar Cent, um mir meine eigene Lokomotive kaufen zu können.

Neben dem Smartron steht auch der Siemens Vectron, hier in ÖBB-Ausführung. Und die Unterschiede zur Discount-Version sind frappierend. Vier Pantographen schmücken das Dach, die bullige Lok schafft es auf 160km/h, das ETCS (European Train Control System, nein, nicht ECTS!) darf natürlich auch nicht fehlen.

Zwischen den Gleisen hört man übrigens das eine oder andere Gerücht zur Siemens-Alstom Zusammenlegung, aus der ein europäischer Schienenverkehr-Riese entspringen soll. Doch auf der Messe sind beide Hersteller noch getrennt unterwegs. Die Europäische Kommission hat wegen einer möglichen Einschränkung des Wettbewerbs auch noch ein Wort zu sagen. Über andere Konkurrenten *hust* Bombardier *hust* wird sich gerne lustig gemacht, da diese leider gar keine Züge auf dem Outdoor-Display haben.

Zwischendurch mache ich einen kurzen Abstecher zur Career & Education Halle. Bei Stadlers Stand erkennt mich eine Firmenvertreterin, die ich schon auf der IKOM getroffen hatte. Überraschend ist der Stand der Railway School of Engineering der Iran University of Science and Technology aus Teheran. Ein Auslandssemester könnte sich aber doch etwas kompliziert gestalten, so werden noch keine Kurse auf Englisch oder Deutsch angeboten.

Wieder an der frischen Luft gibt es eine Produktvorstellung von Goldschmidt Thermit, die eine App für das Schienenschweißen entwickelt haben. Demonstrativ schaut der Vorführer auf sein Handy, die App dokumentiert den ganzen Schweißvorgang.

Beim Pavillon von Linsinger wird mir netterweise ein Erfrischungsgetränk angeboten, obwohl ich ja ganz offensichtlich kein potenzieller Kunde bin. Über die Produktpalette informiere ich mich aber dann doch, die oberösterreichische Firma stellt Schienenfräs- und schleifzüge her. Sehr luftig ist es in der Fahrerkabine des Schienenmesszugs von Plasser & Theurer. Um bei Schienenkontrollen die Arbeiter zu entlasten, werden mittels zweier Laser insgesamt zwei Millionen Punkte pro Sekunde gemessen, und das bei bis zu 100km/h. Im Nachhinein genügt es, sich eine VR-Brille aufzusetzen und gemütlich im Büro die Strecke abzugehen. Von Gleisschotter bis zur Oberleitung, alles wird in verblüffend hoher Auflösung aufgezeichnet.

MG11 Schienenfräszug von Linsinger

Weiter zum Personentransport. Stolz steht da der Desiro ML ÖBB cityjet eco. Eco weil grüne Blätter die rot-weiße Lackierung ergänzen. Möglicherweise auch, weil der cityjet dank Batterien etwa 50-60km ohne Oberleitung fahren kann. In fünf Minuten sind diese auch wieder voll aufgeladen. Genüsslich atme ich den Neuwagengeruch Neuzuggeruch ein.

Desiro ML cityjet eco von Siemens

Langsam sinkt die Son-ne über das Messegelände und zu guter Letzt sehe ich noch die neue Berliner S-Bahn (Baureihe 483/484). Im bekannten rot-gelben Farbmuster soll die Kooperation zwischen Stadler und Siemens ab 2021 auf den Gleisen stehen. Stadler stellt die Wagenkästen, Türen und Inneneinrichtung, Siemens kümmert sich um den ganzen Rest, heißt Fahrzeugsteuerung, IT, Traktionssteuerung… Bremsen kommen natürlich von Knorr.

Neue S-Bahn Berlin von Stadler und Siemens

*ist aber nur ein Zufall, mit Dürr Technik GmbH bin ich in keinster Weise verbunden

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