Freiheit statt Freizeit

Über das Potential einer demokratischen Automatisierung

Seit der industriellen Revolution wurden immer mehr simple manuelle Arbeitsschritte überflüssig gemacht, indem man menschliche Arbeitskräfte durch Maschinen ersetzt hat. Heute zielt der Automatisierungs- und Digitalisierungstrend allerdings auch immer mehr darauf ab, aufwändigere Produktionsaufgaben zu automatisieren, die in der Vergangenheit als viel zu komplex galten. Darüber hinaus kann die Digitalisierung aber auch zu einer Automatisierung von Managemententscheidungen und Verwaltungsprozessen führen. Möglich wird dies durch zahlreiche Fortschritte, sowohl in der Informations-, als auch in der Fertigungstechnologie.

Auf der Informationsseite haben Verarbeitungssysteme wie neuronale Netzwerke und andere Methoden des maschinellen Lernens die Fähigkeit, komplexe Eingaben zu verstehen und vorherzusagen, erheblich verbessert. Entscheidungsverfahren, die künstliche Intelligenz nutzen, haben in vielen Industriezweigen hybride Entscheidungsprozesse zwischen Mensch und Maschine ermöglicht [1]. Andererseits haben Fortschritte in den Materialwissenschaften, 3D-Drucktechniken, hochentwickelte Sensoren und Motoren sowie die wachsenden Fähigkeiten der künstlichen Intelligenz dem Bereich der Robotik ungeahnte Fortschritte beschert. Diese Entwicklungen fließen zunehmend in den Prozess der Umstrukturierung sowohl der Fertigungs- als auch der Dienstleistungsindustrie ein und führen zu dem, was oft als „Industrie 4.0“ bezeichnet wird [2].

Dieser Prozess der Digitalisierung und Automatisierung von Entscheidungen in Produktionsprozessen kann mit Blick auf die dadurch entstehenden Machtstrukturen auf unterschiedliche Weise umgesetzt werden:
Wie Schaupp und Diab in [3] feststellen, deuten aktuelle Entwicklungen in Deutschland auf eine Umsetzung hin, die darauf abzielt, die Bewegungen des Kapitalmarkts und die Produktionsprozesse ohne jede unternehmerische oder demokratische Beteiligung stärker zu verbinden.

Damit würde ein eng verknüpftes Rückkopplungssystem geschaffen, in dem praktisch alle Entscheidungen im Produktionsprozess direkt vom „Willen des Kapitals“, also der Besitzerinnen und Investorinnen beeinflusst und gelenkt werden. Das politische Ergebnis liegt auf der Hand: eine Konzentration der wirtschaftlichen Macht auf die nicht demokratisch legitimierten Eigentümer*innen der Produktionskapazitäten.

Ein anderer Ansatz zur Automatisierung der Managementebenen der Wirtschaft besteht darin, die Entscheidungsverfahren zu demokratisieren und die Entscheidungen gemeinsam von breiten Teilen der Gesellschaft fällen zu lassen. Ziel dieses Ansatzes ist es, die Produktionsprozesse und -strukturen so zu lenken, dass sie dem größeren gesellschaftlichen Nutzen dienen. Er könnte auch genutzt werden, um direkte ökologische und soziale Dimensionen in die Entwicklung und Umstrukturierung von Industrien einzubeziehen. Diese Dimensionen werden von nicht-demokratischen Akteuren übersehen, deren kurzfristigen wirtschaftlichen Ziele in einer rein profitmaximierenden Logik keine langfristigen Aspekte wie die Vermeidung einer Klimakatastrophe beïnhalten können.

Ein Beispiel für diesen Ansatz war das sogenannte „Cybersyn“, ein System, das in Chile während der Präsidentschaft Salvador Allendes in den frühen 1970er Jahren vom britischen Informatiker Stafford Beer entwickelt wurde. Das Projekt war von den kühnen Ideen für eine gerechte Zukunft inspiriert, wie sie in Science-Fiction-Werken wie „Star Trek“ erträumt wurden. Im Vertrauen auf die Fähigkeiten und die rasanten Fortschritte in der Informatik, zielte das Projekt darauf ab, ein verteiltes Entscheidungshilfesystem für eine dezentrale demokratische Verwaltung der chilenischen Wirtschaft zu entwickeln [4].

Der „Opsroom“, ein von Gui Bonsiepe entworfener zentraler Entscheidungsraum. Bild: Wikipedia

Das Herzstück des Systems sollte ein futuristischer Raum sein, in dem gewählte Entscheidungsträger*innen sitzen und mithilfe der einfließenden Daten über die wirtschaftlichen Entwicklungen gemeinsam Entscheidungen treffen sollten. Die Gestaltung des Raums wurde von einem Team um den deutschen Interfacedesigner Gui Bonsiepe entworfen. Bonsiepe, der unter anderem an der TUM Architektur studiert hat, ist bekannt für seine Forschung zu modernem Industrie- und Interfacedesign.

So wurden schon beim technischen Design des Systems Gewerkschaften und Arbeitende mit einbezogen und großer Wert auf einfache Benutzung, flache Machtverteilung und breite Beteiligung gelegt. Obwohl es für die damalige Zeit beeindruckende Arbeit leistete, wurde es nie komplett fertiggestellt und im Zuge des faschistischen Militärputsches, der die demokratisch gewählte Regierung Chiles 1973 stürzte, zerstört. Selbst im Zuge des Umsturzes zeigte Cybersyn noch sein Potential: als Putschisten die Hauptstadt Santiago mit LKWs blockierten, wurde es genutzt, um die Versorgung des Landes dennoch aufrechtzuerhalten.

Auf Bildschirmen sollten verschiedene Wirtschaftsgrößen angezeigt werden. Bild: Wikipedia

Eine Version des Systems wurde später für den privaten Gebrauch weiterentwickelt und von Novell kommerziell vertrieben. Zu diesem Zeitpunkt war es bereits erheblich von seinem ursprünglichen Verwendungszweck entfremdet worden. Als die Software nach Deutschland kam, diente sie zu einem großen Teil der Arbeitsintensivierung und Überwachung, was von den deutschen Gewerkschaften rigoros abgelehnt wurde. Dennoch wird das „Cybersyn“-System oft als Vorläufer moderner Automatisierungs- und Digitalisierungsentwicklungen gesehen, einschließlich der europäischen Idee von „Industrie 4.0“ [5].

In der Tat lässt sich derzeit in praktisch allen großen Unternehmen eine Entwicklung beobachten, die den Ideen des Cybersyn-Systems ähnelt: Wie Phillips und Rozworski in [6] aufzeigen, müssen sich moderne Konzerne oft mit Ressourcen- und Produktionsmanagement in ähnlichen Dimensionen wie ganze Nationalstaaten auseinandersetzen. Walmart zum Beispiel ist von der wirtschaftlichen Größe her mit der gesamten Schweiz vergleichbar und beschäftigt mehr Menschen als in Slowenien leben. Bei anderen Unternehmen wie Amazon, Foxconn oder vielen Automobilkonzernen sind die Zahlen ähnlich. Ihre Produktions- und Vertriebsprozesse sind weitgehend automatisiert und nutzen Milliarden von Datenpunkten, die ihnen zur Verfügung stehen.

Die Technologie für diese Art der Planung und Prozesssteuerung war bereits in den 1970er Jahren vorhanden und hat sich seither nur verbessert. So hat sich insbesondere der Bereich der verteilten Entscheidungsverfahren dank Technologien wie neuronalen Netz- werken weiterentwickelt, wie in [7] dargestellt. Wenn der politische Wille vorhanden ist, können diese mächtigen Instrumente zur Planung wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Entscheidungen wieder demokratisiert und für das soziale und ökologische Wohl eingesetzt werden, anstatt die wirtschaftliche und politische Macht weiter in den Händen der wenigen Privatpersonen zu konzentrieren, die über die großen multinationalen Konzerne verfügen.

Eine Demokratisierung der Automatisierung hätte auch andere positive Folgen. So würden Entscheidungen darüber, ob eine Tätigkeit automatisiert werden sollte, nicht mehr nur nach Profitmaximierung, sondern mehr nach sozialen Aspekten gefällt werden. Eine entwürdigende Tätigkeit zu automatisieren mag zwar nicht profitabel sein, wenn man stattdessen einfach Mindestlohnartbeitende einstellen kann. Sie zu automatisieren wäre aber im Interesse der vielen Beschäftigten in diesem Bereich.

Während es klar ist, dass der Prozess der Automatisierung darauf abzielt, den Anteil der manuellen Arbeit in Produktionsprozessen zu verringern, bedeutet diese Art der Digitalisierung auch eine Verringerung des menschlichen Arbeitsvolumens in Management- und Entscheidungsprozessen. Diese beiden Entwicklungen zusammen könnten zu einer gesellschaftlichen Situation führen, in der die meisten Produktionsprozesse so weit automatisiert sind, dass der Rückgang der benötigten Arbeitskräfte zu einem Anstieg der Arbeitslosenzahlen führt, argumentieren S. Schaupp und R. Diab in [3]. Um dieser Entwicklung zu begegnen, gibt es verschiedene Lösungen:
Wie in [3] zu sehen ist, sehen viele europäische Arbeitgeber derzeit ein universelles Grundeinkommen als geeignetes Instrument, um diesem Dilemma zu begegnen. Die Gesetzgeber*innen in Europa scheinen dieser Idee weitgehend zuzustimmen und haben mehrere Studien und Pilotprojekte in Auftrag gegeben, die die Auswirkungen eines universellen Grundeinkommens auf die Gesellschaft untersuchen, wie in [8].

Ein Vergleich der Bruttoinlandsprodukte zwischen Staaten und der Kaufhauskette Walmart. Bild: Reddit/MapPorn

Während diese Lösung einen Teil des Problems angeht, indem sie nicht arbeitenden Menschen die Teilhabe am Wohlstand einer zunehmend automatisierten Wirtschaft ermöglicht, erzeugt sie alleine keine gerechtere Gesellschaft. Um das abnehmende Arbeitsvolumen in der Gesellschaft besser zu verteilen, muss auch die wöchentliche Arbeitszeit drastisch verkürzt und die Gesamtarbeitszeit besser zwischen den Menschen aufgeteilt werden, argumentieren die Autoren von [9]. Nur so ließe sich eine freiere und egalitärere Gesellschaft schaffen.

Mit dieser kombinierten Lösung eines universellen Grundeinkommens und einer gleichzeitigen Verteilung des geringen übrigen Arbeitsvolumens, das nicht (oder noch nicht) automatisiert ist, können wir uns eine Zukunft in einer vollständig digitalisierten Gesellschaft vorstellen, in der die Technologie allen zugutekommt.

In einer solchen Gesellschaft kann die Automatisierung unser Leben verbessern, indem wir mehr Zeit für unsere Freunde und Familien sowie für kreative oder kulturelle Aktivitäten haben. Die meisten unserer Grundbedürfnisse werden durch hochautomatisierte und digitalisierte Produktion und Dienstleistungen erfüllt. Arbeit ist zum größten Teil kein ökonomischer Zwang mehr, sondern geschieht zumeist freiwillig. Die konkrete Gestaltung der Produktionsprozesse wird zu einem großen Teil über demokratische Kanäle gesteuert und orientiert sich mehr an gesellschaftlichen Bedürfnissen als an Profitmaximierung. Auch andere Faktoren wie ökologische Folgen können stärker einbezogen werden.

Damit diese Zukunft Realität werden kann, muss jedoch eine stärkere politische und gesellschaftliche Auseinandersetzung über die Demokratisierung der Automatisierung selbst stattfinden. Was hingegen passieren kann, wenn wir den Milliardär*innen und Konzernen die Digitalisierung und Automatisierung überlassen, zeigt sich im Artikel über Privatstädte auf Seite 16.

Quellen

[1] What AI-Driven Decision Making Looks Like. url: https://hbr.org/2019/07/what-ai-driven-decision-making-looks-like (visited on 11/27/2020).
[2] Advanced Robotics in the Factory of the Future. url: https://www.bcg.com/publications/2019/advanced-robotics-factory-future (visited on 11/27/2020).
[3] S. Schaupp and R. Diab. “From the smart factory to the self-organisation of ca- pital: ‘Industrie 4.0’ as the cybernetisation of production”. In: Ephemera Journal 20(4) (2020). issn: 1473-2866.
[4] E. Medina. Cybernetic Revolutionaries. Technology and Politics in Allende’s Chile. isbn: 978-0-26201-649-0 .
[5] D. Borchers. “Das Cybersyn-Projekt. Wie Chile einst die Zukunft der Planwirtschaft entwarf”. In: (2018). url: https://www.heise.de/select/ct/2018/27/1541215368236612 (visited on 11/27/2021).
[6] L. Phillips and M. Rozworski. The People’s Republic of Walmart. How the World’s Biggest Corporations are Laying the Foundation for Socialism. Verso Books, 2019. isbn: 978-1-78663-516-7 .
[7] S.-j. Wu, N. Gebraeel, M. A. Lawley, and Y. Yih. “A Neural Network Integrated Decision Support System for Condition-Based Optimal Predictive Maintenance Policy”. In: IEEE Transactions on Systems, Man, and Cybernetics – Part A: Systems and Humans 37.2 (2007), pp. 226–236. doi: 10.1109/TSM- CA.2006.886368.
[8] https://www.diw.de/de/diw_01.c.818916.de/1.200_euro_monatlich_drei_jahre_lang__pilotprojekt_zum_bedingungslosen_grundeinkommen_beginnt_mit_der_auszahlung.html
[9] P. Buckermann, A. Koppenburger, S. Schaupp, N. Srnicek, M. Pasquinelli, M. Nijen- sohn, N. Lehner, D. Waldecker, C. Papsdorf, M. Wicher, A. Thaler, L. Prüll, D. Mahr, and P. Frey. Kybernetik, Kapitalismus, Revolutionen. Emanzipatorische Perspektiven im technologischen Wandel. Mar. 2017. isbn: 978-3- 89771-225-6.
Außerdem: Peter Frase: „Four Futures“, er- schienen 2016 bei Verso Books.
Titel nach Joseph Beuys.

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