Zeit ist (ver-)kostbar

Seit jeher wird, um den grässlichen Schrecken der Langeweile zu entgehen, ein Hausmittel eingesetzt: der Zeitvertreib. Wann ist Zeitvertreib aber Zeitverschwendung und wie schlimm ist es, seine Zeit zu verschwenden?

Spätestens in der Zeit der vorangeschrittenen Industrialisierung, also ab dem 20. Jahrhundert, hatte die breite Masse der Gesellschaft die Möglichkeit, ihre eigene Freizeit zu gestalten. Auch heute langweilt sich wohl niemand richtig gern, folglich boomten die Neugründungen von Sport- und Bildungs- vereinen in diesen Jahren. [1] Doch Freizeit ist schon lange nichts Besonderes mehr. Um was es aber vielen heutzutage geht, ist die Qualität dieser Freizeit; nicht, dass sich Zeitvertreib in Zeitverschwendung verwandeln könnte. Die meisten behaupten, Zeitvertreib sei das, was einem Hobby am nächsten komme, und ist daher eher positiv besetzt, wohingegen Zeitverschwendung als etwas Schlechtes gilt.

Man selbst hat mit seinem Hobby immer eine Geschichte, entweder es wird einem von seinen Eltern aufgezwungen, man schaut es sich bei Freund*innen ab oder probiert ein- fach ein neues aus. Kurzum: Wer eine Lieblingsbeschäftigung findet, um seine freie Zeit zu füllen, würde diese doch niemals als reinen Zeitvertreib abstempeln. Ein Hobby verlangt nämlich nach einem intrinsischen Verlangen, das die Ausführenden weiterbringt, das sie irgendwie erfüllt. Es ist eine Beschäftigung, die man aus sich heraus gerne macht, auch ohne unmittelbare Ergebnisse. Die Zeit, die man beispielsweise beim Klavier üben investiert, zahlt sich aber trotzdem bald als Fortschritt aus.

Zeitverschwendung hingegen sehen die meisten als einen Vorwurf an sich selbst. Sie ist etwas Passives und wird einem erst klar, nachdem sie schon ihr Unwesen getrieben hat. „Ach hätte ich nur dies und das gemacht und so meine Zeit besser genutzt“. Klar, die wertvolle Ressource Zeit sollte nicht kübelweise aus dem Fenster geschüttet werden (sagt man zumindest). Zeitverschwendung könnte man also als Teilmenge des Zeitvertreibs verstehen. Ein Zeitvertreib, bei dem man Dinge tut, die man später so nicht getan hätte; die schwammige Grenze zwischen bei- den muss man sich oft selbst ziehen.

Heute geht es oft darum, in der Freizeit so viel Produktives wie nur irgend möglich zu leisten, zumindest im Idealzustand. Es ist leicht, eine Beschäftigung einfach als Hobby zu definieren, und auf einmal scheint man ja doch mit sich zufrieden. Man muss aber in sich hineinhören: Die Beschäftigung muss einem etwas zurückgeben, auf innerer oder äußerer Ebene, sonst wurde die investierte Energie umsonst verbraucht. Anstatt also im Übermaß in allen Situationen darüber nachzudenken, ob die gerade ausgeführte Tätigkeit persönlichen Fortschritt impliziert oder nicht, sollte man schlichtweg auf sein Inneres hören. Wer sich andauernd auch in der Freizeit nur vornimmt produktiv zu sein, wird bald davon aufgefressen werden, Stichwort Burnout.

Es ist längst gezeigt, dass es genau die Langeweile, das Nichtstun und die Muße sind, die den Menschen wirklich entspannen können. Aus ihnen heraus entstehen die besten Ideen, die klügsten Entscheidungen. Vielleicht sollte jede Person für sich selbst entscheiden, was für sie nun Zeitvertreib, was Zeitverschwendung, was Hobby ist und in welchem Maß man dieses verfolgen möchte. Wichtiger ist es nur, auch mal den Kopf auszuschalten, sein Handy wegzulegen, und einfach dem Gras beim Wachsen zuzuhören.

Quellen

[1] „Der Bedeutungswandel von Arbeit und Freizeit für die Familie“, Florian Winkler, Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, 2005

2 Kommentare

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    • We do have a newsletter, it is on the righthand side or in the very end of our website 🙂

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