Woher kommen die ganzen Mails?

Ein Interview mit Arno Buchner

Wer an der TUM studiert, wird sich im Laufe der Semester sicher einer gesichtslosen Person bewusst geworden sein. Man kennt sie vorwiegend aus einem für alle eigentlich sehr gut bekannten Ort – der eigenen E-Mail-Inbox. Es handelt sich um einen gewissen Arno Buchner, Schriftführer des Bachelorprüfungsausschusses. Wer ist dieser Mann, der nach eigenen Angaben nicht beißt?

Reisswolf: Wie viele E-Mails bekommen Sie pro Tag?

Arno Buchner: Wir haben etwa 30 bis 50 E-Mails pro Tag. Wenn an einem Vormittag mal keine ankommen, befürchten wir schon, dass etwas mit dem Mail-Server nicht stimmt. Ich bin schon seit 10 Jahren in dieser Funktion und die Kommunikation hat sich deutlich verschoben – von persönlicher Korrespondenz zu Anfragen über Mail und Telefon. Meine Haupttätigkeit ist es schon, Mails zu beantworten.

Was machen Sie neben Mails beantworten?

Bei uns ändert sich die Arbeit immer im Laufe des Semesters. Gerade zu Beginn des Wintersemesters kommen die neuen Studierenden mit Anerkennungsanträgen. Studierende, die schon länger dabei sind und bei denen die Prüfungsphase nicht so gut geklappt hat, kommen zum Notenschluss mit den Prüfungsergebnissen zu uns. Ansonsten kümmern wir uns um den Nachteilsausgleich für Prüfungen. Das müssen die Studierenden bei uns innerhalb der Prüfungsanmeldezeit beantragen und wir geben es dann weiter an die Lehrstühle. Wenn Sie für die Prüfungen lernen, ist es bei uns wieder etwas ruhiger.

Sind die Anfragen über Mail Fragen wie etwa “ich habe vergessen mich für eine Prüfung anzumelden”?

Ja, gerade letzten Donnerstag (30.6.2022), am Ende der Prüfungsanmeldung, waren das die Fälle, die die Anmeldung verpasst haben oder nicht vollständig waren. Da müssen wir klären, ob wir eine Nachmeldung vornehmen können oder nicht. Technisch ist das nicht schwierig, aber da hängt viel dran. Wir sind im Bachelor Maschinenwesen für etwa 1500 bis 2000 Studierende zuständig und deshalb müssen wir immer überlegen, ob ein Einzel- fall begründet ist. Wir können auch nicht alle nachmelden oder die Anmeldefrist abschaffen. Wir brauchen auch etwas Zeit für die Organisation der Prüfungen und dafür müssen wir wissen, wie viele die Prüfung schreiben.

Was haben Sie dann früher gemacht und wie sind Sie in der Verwaltung gelandet?

Ich habe in Braunschweig Biologie studiert. Dann bin ich durch ökologische Mikrobiologie aus dem Labor am Computer gelandet, weil ich mehr Spaß daran hatte, die Labordaten auszuwerten. Die meisten Bio- log*innen machen lieber ihre Versuche und erzeugen einen Berg an Daten. Leider haben sie dann keine Lust, sich mit diesen Daten zu beschäftigen und machen lieber ihre Versuche, bis sie klappen. So bin ich in den Bereich Bioinformatik oder Computational Biology, also in die anwendungsorientierte Datenanalyse, hineinreingeraten. Nach dem Studium bin ich über eine ausgeschriebene Stelle an die TUM gekommen. Ursprünglich war ich am Mikrobiologielehrstuhl in Weihenstephan in einer Laborgruppe, die Gene sequenziert und Daten analysiert hat. Dann war ich Schriftführer des Studiengangs Bioinformatik und mit der TUMonline-Einführung bin ich endgültig in der Verwaltung gelandet.

Wir haben meistens mit Studierenden zu tun, wenn irgendetwas nicht so gut geklappt hat.

Bereuen Sie es, dass Sie einen Weg in eine ganz andere Richtung eingeschlagen haben?

Natürlich ist nicht immer alles angenehm, aber die Arbeit ist schön und vielfältig. Ich mache nicht nur die Studiengangsverwaltung und ich kümmere mich auch um TUMonline, sowie die Abbildung der Studiengänge. Ich bin auch in zentralen Gremien zur Weiterentwicklung und bringe dort meinen Input zur Anwendung.

Um da anzuknüpfen – es geht das Gerücht um, dass Sie der Vater von TUMonline sind. Was sagen Sie dazu?

Nein, das stimmt nicht, aber ich bin fast seit Beginn dabei und habe deshalb viel Anwendungswissen und Erfahrung. Vielleicht gibt es dieses Gerücht, weil die meisten Mails von mir kommen. Das liegt aber daran, dass ich die Berechtigungen habe. Eigentlich heißt das Programm von TUMonline “Campus Online” und kommt aus Österreich von der Uni Graz. Damals waren wir die erste Uni in Deutschland mittlerweile nutzen 5-7 deutsche Unis das System. Moodle ist ein eigener Dienst, aber über eine Schnittstelle mit TUMonline verknüpft.

Was können wir als Studierende tun, um Ihnen die Arbeit zu erleichtern? Außer sich rechtzeitig für Prüfungen anzumelden.

(Lacht) Sich rechtzeitig anmelden und Klausuren bestehen. Grundsätzlich haben wir meistens mit Studierenden zu tun, wenn irgendetwas nicht so gut geklappt hat. Wenn Sie im Studium keine Probleme haben, nicht krank sind und mit der Anmeldung und den Prüfungen auch alles so halbwegs klappt, dann müssen Sie sich bei uns eigentlich nur einmal am Ende melden, wenn Sie Ihr Zeugnis haben wollen. Die meisten Anfragen sind Ausnahmefälle. Also Studierende, die Probleme wie Krankheit oder Nachteilsausgleich haben.

Kennen Sie diese Ausnahmefälle auch mit Namen?

Eigentlich kenne ich nur die Vertreter*innen aus der Fachschaft mit Namen. Oder die besten 2-3%, der Studiengänge, die wir für Stipendien vorschlagen. Auf diesen Vorschlagslisten sind auch immer dieselben drauf. Im Bachelor, gerade in den ersten vier Semestern, sind Sie mit einer 2,1 oder 2,2 etwa unter den besten 10 Prozent. Der Durchschnitt bei den meisten Pflichtprüfungen ist eher bei 3,X und viele sind froh, wenn sie eine 3 haben. Wenn die Wahlfächer kommen, und die Bachelorarbeit geht der Durchschnitt natürlich entsprechend nach oben. Im Master geht der Trend weiter.

Haben Sie etwas zu sagen, wenn es um Nachholklausuren geht?

Als Schriftführer bin ich verantwortlich für die Ausführung des Prüfungsausschusses. Der Prüfungsausschuss ist eine Runde von Professor*innen mit einem Vorsitz, die Grundentscheidungen über einzelne Studiengänge und über einzelne spezielle Anträge der Studierenden fällen. Ähnliche Fälle können wir dann nach den Ausführungsrichtlinien umsetzen. Die Funktion des Prüfungsausschusses ist es zu überprüfen, ob die Regeln, die in der allgemeinen Studienordnung und in der Fachprüfungsordnung stehen, eingehalten werden. Sowohl von den Studierendenden, aber natürlich auch von den Lehrstühlen. Wenn bei der Prüfung besondere Problematiken auftreten, sagen wir auch, dass eine Nachprüfung o.ä. angeboten werden muss. Ich habe damals in der Informatik mitbekommen, dass in einem Hörsaal Einlesezeit gewährt wurde und im anderen nicht. Das ist nicht fair. Da musste entweder für alle oder nur für den Teil, der keine Einlesezeit hatte, eine Nachholklausur angeboten werden, bevor die Noten veröffentlicht wurden. Erstaunlicherweise waren da mehr Leute dabei, die bei der ersten Prüfung schon im guten Einser-Bereich waren und die Prüfung wiederholen wollten. Bei uns melden sich auch oft Studierende, die eine Notenkorrektur haben wollen und schon im Top-Bereich sind.

Gibt es eine Obergrenze für die Durchfallquote? Was passiert, wenn sie über- proportional hoch ist, zum Beispiel 65% oder 70%?

Das kommt gerade bei Wiederholungsprüfungen durchaus vor. Feste Vorgaben für die Durchfallquote gibt es nicht. Das Noten- und Prüfungssystem ist hier anders als in den USA oder in England. Dort legt man eine Kurve über die Ergebnisse und bestimmt so die Noten. Bei uns werden die Prüfungen so gestellt, dass vorab Punkte festgelegt werden und bei etwa 40 Prozent der Punkte ist die Bestehensgrenze. Hochgesetzt wird diese Grenze eigentlich nie, sondern eher heruntergesetzt, wenn die Prüfung für uns sonst katastrophal ausfällt. Aber die Dozenten müssen sich natürlich auch gerade in den Pflichtfächern darüber Gedanken machen, was die Basisgrundlagen sind, die alle können müssen, um studieren zu können. Und wann sie es verantworten können, dass Studierende auch mit wenig Erfolg in der Klausur durchkommen.

Gibt es Prüfungen, zu denen häufiger Anfragen kommen?

In den letzten Semestern war im Bachelor die kritischste Prüfung Wärmetransportphänomene. Es gibt viele Studierende, die schon sehr weit im Studium sind, aber bei denen WTP noch übrig ist. Die Fachschaft macht auch immer eine Evaluation der Prüfungen und Einsichten. Die Ergebnisse davon gehen auf offiziellem Weg zum Prüfungsausschuss. Dort werden die Anmerkungen der Studierenden besprochen und an die Dozierenden der Veranstaltungen weitergegeben. Zu dem Thema findet sehr viel Austausch statt. Es ist übrigens viel besser, wenn Sie ihre Anmerkungen über die Umfragen der Fachschaft oder die Semestersprecher*innen an uns herantragen, anstatt dass alle einzeln kommen. Ich denke, dass sich die Lehrstühle die Kritik zu Herzen nehmen und versuchen, die Umstände zu verbessern. Sie passen nicht unbedingt die Prüfung an, sondern ändern die Übung, damit sie besser auf die Klausur vorbereitet. Das war insbesondere die Kritik bei WTP.

Es gab seit Beginn der Pandemie eine große Diskussion zu Online-Prüfungen. Wieweit waren Sie da eingebunden?

Also konkret eingebunden sind wir weniger. Wir müssen nur vom Prüfungsausschuss offiziell sicherstellen, dass die Rechtsvorgaben eingehalten werden. Da gab es zeitweise ja wöchentliche Änderungen, die uns die Arbeit erschwert haben. Ganz klar ist der rechtliche Rahmen immer noch nicht, gerade beim Thema Überwachung und Datenschutz. Wir müssen auch sicherstellen, dass die Prüfungsbedingungen fair sind. Das ist besonders bei hybriden Prüfungen schwierig. Bei online Prüfungen müssen alle ihr Einverständnis zur Überwachung geben und deshalb muss es eine Präsenzalternative geben, falls das jemand nicht möchte. Insgesamt ist in der ehemaligen Fakultät die Rückmeldung gekommen, dass nach Möglichkeit die Prüfungen in Präsenz stattfinden sollten. Und dann mit Sicherheitsmaßnahmen wie Masken und Abstand.

Machen Sie auch Anerkennungen zum Beispiel aus dem Ausland?

Bei Fragen zum Ausland müssen Sie sich an Frau Ammon wenden. Grundsätzlich laufen Anerkennungen bei uns so ab: Wir nehmen den Antrag auf und schauen, ob wir so eine ähnliche Anerkennung vielleicht schon mal gehabt haben. Oft werden im Ausland an ähnlichen Unis ähnliche Fächer belegt. Gibt es schon einen Fall aus den letzten Jahren, können wir die Anerkennung übernehmen. Falls nicht, dann gibt es einen Umlaufzettel für die Studierenden. Damit müssen sie sich an die Lehrstühle wenden und klären, ob die Inhalte aus dem Ausland zur Modulbeschreibung der Fächer der Lehrstühle passt. Die Professor*innen oder die Lehrstuhlmitarbeitenden geben uns Rückmeldung und wir übernehmen das Formale. Ansonsten können Sie die Anerkennung auch als pauschales Ergänzungsfach ohne weiterführende tiefere Überprüfung einbringen. Dafür muss das Fach aber Bezug zum Studiengang haben.

Sie übernehmen bereits einige Jahre die Verwaltung des Bachelor-Studiengangs Maschinenwesen gemeinsam mit Ihrer Kollegin. Sind Ihnen besondere Tendenzen in der Statistik der Studierenden- zahlen aufgefallen?

Im Bachelorstudiengang Maschinenwesen sind die Zahlen etwas heruntergegangen im Vergleich zu Diplomstudiengang. Aktuell fangen etwa 450 neu an. Ein Rekord war der doppelte Abiturjahrgang, als wir 1300 Erstsemester hatten. Damals gab es auch 10 verschiedene Bachelorstudiengänge, so wie es heute verschiedene Master gibt. Zwischen den Studiengängen wurde auch viel gewechselt, was nicht immer unbedingt gut war. Viele wollen sich auch heute noch bereits im Bachelor in Fächern wie Medizintechnik oder Aerospace spezialisieren. Unserer Erfahrung nach ändern sich aber die Interessen der Studierenden im Laufe des Studiums stark. Es ist eine große Chance, sich in verschiedenen Fächern auszuprobieren und neue Themen kennen zu lernen. Es ist auch so, dass die spezialisierten Studiengänge marketingtechnisch besser ankommen. Außerdem haben wir neben dem Bachelor Maschinenwesen auch den Bachelor Ingenieurswissenschaften der MSE mit 100-150 Erstsemestern und ganz neu den Bachelor Aerospace mit etwa 200 Erstsemestern. Viele dieser Studierenden wären wohl früher bei Maschinenwesen gelandet. Aber Aerospace studieren viele aus dem Ausland, da der Studiengang auf Englisch angeboten wird. Insgesamt ist die Tendenz, auch bei anderen Unis, dass die Zahlen im Bereich Maschinenwesen ganz schön runtergegangen sind. In der Informatik ist es andersherum – die haben einen jährlichen Zuwachs von knapp 20%. Und dieser Trend wurde durch Corona mit der Digitalisierung noch verstärkt. Aber es wird natürlich von der Hochschulleitung und der School-Leitung geschaut, dass die Zahlen im Maschinenwesen nicht noch weiter hinuntergehen.

Melden Sie sich, wenn etwas nicht gut läuft. Wir sind dafür da, den Studierenden zu helfen und sie zu unterstützen.

Beim Thema School möchten wir gleich einhaken: Für uns Studierende gab es keine merklichen Änderungen. Hat sich für Sie etwas bei der Umstellung von Fakultät Maschinenwesen zur School of Engineering and Design verändert?

Auf der unteren Ebene zum Glück nicht. Das ist auch mit der Einführung und Umsetzung der School so gewollt. Wir haben uns bemüht, dass sich die Zuständigkeiten für die verschiedenen Studiengänge nicht zu sehr ändern und es erstmal so bleibt wie vorher. Für unsere Arbeit in TUMOnline ist einiges komplizierter geworden, weil die Struktur jetzt anders ist. Lehrveranstaltungen und Prüfungen werden jetzt über die Departments und den Lehrstühlen organisiert. Die Prüfungsausschüsse und Zuständigkeiten sind geblieben, wo sie auch vorher waren. Aber der Prozess der Umstellung zur School ist noch nicht ganz abgeschlossen, es kommen noch einige Sachen. Soweit ich weiß, wird aktuell auch der Bachelor Maschinenwesen überarbeitet, um Trends wie Digitalisierung mit zu berücksichtigen. Da wird die Meinung der Studierenden über die Fachschaft auch berücksichtigt. Wir prüfen dann am Ende, dass der Studiengang vernünftig verwaltbar ist.

Gibt es zum Abschluss unseres Gesprächs noch etwas, was Sie den Studierenden mitgeben wollen?

Schauen Sie sich mal die Studiengangssitzung an. Die auf der Webseite zu finden ist aber mit der Schoolumstellung nicht leichter geworden (lacht). Alles wichtige für Sie ist jetzt im Wiki drin. Wir versuchen, die wichtigsten Informationen in den FAQs unterzubringen. Da lohnt es sich auch mal hineinzuschauen. Und lesen Sie die Mails mit den Hinweisen zum Fristende der Prüfungsanmeldung oder ähnliches, die wir Ihnen schicken. Und generell: Melden Sie sich, wenn etwas nicht gut läuft. Wir sind nicht dafür da, die Studierenden aus dem Studium zu werfen, sondern zu helfen und zu unterstützen. Auch wenn es eine vermeintlich dumme Frage ist, kommen Sie frühzeitig auf uns zu, bevor die Situation eskaliert. Es ist besser einmal mehr zu fragen als im Nachhinein etwas kritisches verpasst zu haben.

Vielen Dank für das Gespräch.

Vielen Dank auch an Sie.

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